Im Winter 2015/2016 haben wir mit mehrere Monate in einer unbeheizten Industrieruine in Dorfen verbracht. Die Aufgabe, die wir uns zunächst stellten, war einen wärmenden Raum zu schaffen. Er sollte sich von dem Kälte abstrahlenden Boden abheben und mit der Zeit erweitert und modifiziert werden. Unster weiteres Vorgehen bildete eine Art Kreislauf. So hat der jeweilige Zustand des Baus eine Atmosphäre geschaffen, die bestimmte Aktionen nahe legte, die dann gefilmt wurden. Das Filmmaterial hat dann wiederum die Weiterentwicklung des Baus bestimmt und so fort. Durch diese Arbeitsweise verschränksten sich schließlich Performance, schauspielerische Inszenierung, Plastik, Film und tatsächliche praktische Notwendigkeiten zu einem erzählerischen Ganzen, das für keinen von uns im Einzelnen vorhersehbar war und zu weiten Teilen aus sich selbst heraus zunehmend an Notwendigkeit und Identität gewonnen hat.

Im Lauf der Zeit wurde das Gebäude, mit dem wir begonnen hatten, mehr und mehr zum BAU. Der alternative Alltag, den wir entwickelten, schlug sich in der Struktur unserer Behausung nieder, und diese wirkte wiederum zurück auf unseren Alltag. So sind der zentralen Kammer nach und nach Erweiterungen zugewachsen, die verschiedenen Handlungsbereichen wie Schlafen, Lagern, und Arbeiten entsprechen. So mit den Möglichkeiten des profanen Daseins zu experimentieren öffnet einen gleichsam phänomenologischen Blick auf alltägliche Lebensäußerungen überhaupt. Denn die Verfremdung des Alltäglichen unterbricht unsere routinierte Wahrnehmung desselben, welche ansonsten wirkliche Wahrnehmung durch automatisierte Deutung ersetzt.

Die Welt, die wir erfahren, die Zeitstimung und die Bewegungen, die durch alle Zellen des Gesellschaftskörpers hindurch gehen, haben ihre Spuren in der Arbeit hinterlassen. So ist es vielleicht kein Zufall, wenn der BAU den Betrachter an die mobilen Mikrohäuser erinnert, die den flexibilisierten Zeitgenossen Unterschlupf geben sollen oder aber an die improvisierten Schutzräume, die entstehen könnten, wenn die Kultur, die jene durch die Welt jagt, einmal zerfallen sollte. Zurückgeworfen sein auf elementare Lebensvollzüge, neue fremde Lebensforme, do-it-yourself mit den Materialien der industriellen Produktion - das sind virulente Themen in einer gesellschaftlichen Situation, die von wichtigen Zeitdiagnostikern als eine des Übergangs beschrieben wird. So spricht der Soziologe Wolfgang Streeck für unsere Zeit von einem Interregnum, also einer Phase, in der die alte Ordnung noch nicht gestorben ist, und die neue noch nicht ganz geboren.

Bauphasen

 

 

Die erste Phase des Projekts ist von der Notwendigkeit nach einem warhmen Aufenthalts, Arbeits und Schlafraum geprägt. Auf einem Gerüst aus Holzbalken errichten wir aus Kanthölzern und Spanplatten zunächst einen ca. 2x2x2 Meter großen Kubus. Danach folgen verschieden dimensionierte Ausbuchtungen und Anbauten, die jeweils einer Funktion zugeorndet sind. So gibt es einen nach außen gestülpten Bereich für stehende Arbeiten, einen Sitz mit zugehöriger Arbeitsfläche, jeweils einen Schacht für Licht und Heizung, einen Zugang zum Hauptraum, zwei Schlafgänge, so wie an den längeren Gang angefügt einen kleinen Wenderaum.

In einer zweiten Phase wird der gesamte Bau im Inneren mit mehreren Lagen Styropor isoliert und ausgekleidet. Geologischen Schichtmodellen gleich, werden einzelne Flächen dreidimensional modelliert. Das Styropor bestimmt nun vollständig die Oberfläche. Anschließend werden die Styroporoberflächen von Hand weiter bearbeitet, bis sich im Inneren des Baus ein Höhlenartiger Charakter einstellt.

In der dritten Phase polstern wird ausgewählte Bereiche des Baus. Über Schaumstoff wird entweder eine starke schwarze Folie oder ein grob gewebter Stoff gespannt. Nach der notwendigen Isolierung des Baus, ist es also nun an der Zeit sich um Bequemlichkeiten zu kümmern und den Bau wohnlich auszugestalten. Dabei stoßen wir auf neue Problematiken, da der ohnehin stark begrenzte Innenraum mit jeder weiteren aufgetragenen Schicht und jedem Polster immer enger wird.

Während der zweiten und dritten Phase dient uns der Bau auch als Set für einen Film, der einerseits unsere realen Bedürfnisse und Erlebnisse mit dem Bau abstrakt reflektiert und andererseits Handlungen und Bilder enthält, die sich sich aus der konkreten Form des Baus ergeben.

noch nicht gestorben ist, und die neue noch nicht ganz geboren.

Filmhandlung

Arbeit am Bau

Ein Baufehler führt zu panischer Verwirrung

Die Spannung löst sich

Leben im Bau

Genuss des Baus und der Gemeinschaft.

Sozialpanik

Eskalation

Beruhigung

Beratung über den weiteren Ausbau

 

Untertitel

 

- Das jetzt alles mit Wachs behandeln.

- Bis die kleinen Härchen in einer Masse stecken.

- Das Fingerfett unterstützend.

- Bis das ist wie rasiertes Sauleder.

- warm, weich und talgig vom andauernden Gebrauch.

- Das kann ganz hautig sein.

- Vom Textilen brauch ich nicht  viel.

- Wenn es nur massig wird, dann kann mir so kalt nicht sein.

- Dann muss ich das weiterdrücken.

- Ein lappiger Vorschub.

- Es hilft mir sehr, wenn ich eine Arbeit habe.

- Warm und weich sollte sie sein.

- Mit einer Masse könnte ich gut umgehen.

- In den Boden müssen Löcher rein.

- Ich schneide in den Brocken.

- wenn er sich öffnet müssen wir respektvoll sein.

- Scheinen tut es nur künstlich.

- Sofern die Haube darüber dicht ist.

BAU,

AkademieGalerie München, 21.04. - 28.04. 2016,

Melina Hennicker, Michael Schmidt und Andreas Woller